Teil eines Werkes 
39. Band, David Waldner : Roman : 2. Theil (1867)
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Bitterkeit zu beurtheilen und die Beweggründe dafür zu erklären; aber es wollte nicht gelingen. Er hatte jede Stunde ihres Bei⸗ ſammenſeins durchgangen; jedes Wort, das ſie ausgeſprochen, jede Bewegung, die in ihren Zügen ſich ausprägte, ſich vorge⸗ halten. Alles rief ihm zu: Sie liebt dich! und doch vergaß ſie ihn jetzt für einen Andern, einen Fremdling. Vorauszuſetzen, daß in ihrem Herzen Trug und Treuloſigkeit wohnte, das vermochte er nicht; dazu liebte er ſie allzu innig. War es Mitleid, welches ihre Handlungen diktirte? So glaubte er bis zuletzt und ahnte einigen Zuſammenhang zwiſchen dieſem Verwandten und dem unerklärlichen Geſchick, wodurch ſie ihrer Ausſage nach von ihm geſchieden wurde. Er beſchloß der Zeit zu vertrauen und geduldig zu warten, bis deſſen Tod ſie von der Rolle einer Kranken⸗ wärterin befreite. Da wollte er ſie aufſuchen; er wollte nicht von ihr laſſen, ehe ſie ihm eine Erklärung gegeben hätte, nicht eher als bis ſie eingewilligt hätte, die Seinige zu werden.

Da wurde er plötzlich an ein Sterbebett gerufen; es war ihr kranker Verwandter, welcher ſeinen letzten Kampf mit dem Tode beſtand.

Der Arzt kam erſt, als das Leben erloſchen war, aber der Todte hatte für ihn jede Hoffnung auf Glück vernichtet; in der Todesſtunde hatte er ſich mit derjenigen trauen laſſen, welche der Arzt liebte. Sie hatte dem Sterbenden dieſelbe Hand gegeben, welche ſie dem, den ſie liebte, verweigerte.

Eine ſolche Handlungsweiſe konnte der Arzt nicht verſtehen. Er ging fort, um ihr nicht mehr zu verzeihen.

Aber er verzieh, flüſterte Dagmar.

Daß er es konnte, daran war des Mädchens Stiefmutter ſchuldig. Sie verſtand ſein Unglück und gab ihm den Schlüſſel zu dem Räthſel. Sie rettete ihm den Glauben an die Geliebte.

Aber reden wir nicht weiter von ihm. Wir wollen uns mit dem Mädchen beſchäftigen. Du weißt, daß ihr geheimniß⸗ volles Thun bitteres Leiden mit ſich geführt hatte. Wie anders, wenn die Liebe ſtärker geweſen wäre, als die Zurückhaltung! Sie hätte ihm dann geſagt, was es war, das ſie in eine arme von Schreckbildern geplagte Träumerin verwandelte, das ſich zwiſchen