Teil eines Werkes 
39. Band, David Waldner : Roman : 2. Theil (1867)
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„Schon lange haſt Du meine Antwort auf deine Frage er⸗ erwartet: ob ich Dich liebe?

„Dieſe Antwort ſchwebte einmal auf meinen Lippen, aber ſie ging nicht über dieſelben.

„Eine lange peinliche Zeit iſt ſeitdem vergangen.

„Gezwungen, alle meine Zeit und alle meine Aufmerkſam⸗ keit Arthur zu widmen, hat es ausgeſehen, als ob ich vergeſſen hätte, was ich Dir ſchuldig war. Dieß iſt aber nicht der Fall.

„Du haſt jedoch in deinem Herzen mich wegen der Qual angeklagt, welche Du durch die Zärtlichkeit, die ich an Arthur verſchwendete, gelitten haſt.

„Du hatteſt das Recht, eine Erklärung über mein Benehmen zu fordern; ich nahm meine Zuflucht zu dem Arzt und ſchien deſſen uneingedenk zu ſein, was ich David ſchuldig war.

„Ach, ich konnte nicht anders handeln!

„Ich hatte nicht bloß einen Kranken, ſondern auch einen Unglücklichen vor mir, welcher um ſeines ſchweren Leides willen aller möglichen Sorgfalt bedurſte. Es wurde eine Pflicht, ſeine Schmerzen zu lindern. Ich mußte unter der Ausübung derſelben ſogar Dich verſäumen.

„Gäbe Gott, daß ich Dich vergeſſen könnte oder noch Seelen⸗ ſtärke genug hätte, Dich in dem Gefühle der Mißbilligung, welches Du jetzt gegen mich hegſt, zu belaſſen. Es wäre Dir dann leichter geweſen, die Liebe zu mir zu vertilgen.

„Mir fehlt jedoch dieſe Selbſtverleugnung, und darum, David, werde ich Dir die Geſchichte meiner Seele erzählen. Beurtheile mich hernach mit all der Unparteilichkeit, welche ich von Dir er⸗ warte.

„Damit Du das zu thun im Stande biſt, muß ich alle Umwälzungen in meinem Innern durchgehen.

„Bis zu meinem neunten Jahr war ich ein eigenwilliges Naturkind. Ich wurde allerdings von dem Umgang mit den Nachbarn ferngehalten, aber ich war noch nicht ſcheu vor allen fremden Perſonen. Meine Umgebung ſprach niemals von meiner Mutter; die Erinnerung an ſie wurde ſomit nicht wieder ins Leben gerufen.