Teil eines Werkes 
38. Band, David Waldner : Roman : 1. Theil (1867)
Einzelbild herunterladen

162²

Während ihres Aufenthalts daſelbſt ſchrieb Dagmar lange,

lange Briefe an Georg. Sie mußte ihm ſchildern, was ſie ſah und auch was ſie erfuhr. Georg war für das ſechszehnjährige Mädchen daſſelbe, was eine geliebte Schulkamerädin für andere Mädchen zu ſein pflegt. Was ſie dachte und fühlte, mußte ſie ihm erzählen, und der zwanzigjährige Jüngling nahm all dieſes Vertrauen an und bezahlte es mit derſelben Münze. In ſeinen Briefen lag vielleicht etwas mehr Herzenswärme; aber im Ganzen war ihre Correſpondenz von der Art, daß wenn ein Unbekannter dieſe Briefe geleſen hätte, er auf den Glauben gerathen wäre, ſie rühren von zwei einander lieben Geſchwiſtern her.

Erſt im Herbſt kam der Oberſt wieder mit ſeiner Familie nach Haraldshof. Es war ſeine Abſicht geweſen, den Winter in Stockholm zuzubringen, aber er begegnete bei dieſem Vorſchlag einem entſchiedenen Widerſtand, nicht blos von Seiten Dagmars, ſondern noch heftiger von Majken ſelbſt. Sie wünſchten beide nach Haraldshof zurückzukehren und erklärten, ſie würden alles, nur nicht glücklich ſein, im Fall er ſie zwänge, den ganzen Winter in der Hauptſtadt zu verweilen. Dagmar meinte, ſie ſei zweimal in ihrem Leben recht unglücklich geweſen; das erſte Mal, als ſie der Großmutter in Schonen einen Beſuch gemacht, das zweite Mal, als ſie ſieben Monate in Stockholm zugebracht habe.

Aber, liebe Dagmar, wandte der Oberſt ein;für Dich wäre ein Winter in der Hauptſtadt noch ſehr nützlich; Du haſt noch viel zu lernen, bis Du die Talente und Geſellſchafts⸗Gewohn⸗ heiten, welche nothwendig ſind, dir angeeignet haſt.

So magſt Du reden, rief Dagmar,und ich habe doch

mich ſo lang im Auslande aufgehalten, und muß wohl ausge⸗ zeichnet angenehme Manieren beſitzen. Was die Talente anbe⸗ trifft, ſo verſchreiben wir Lehrerinnen von Stockholm, wenn Du glaubſt, daß es vonnöthen ſei.

Du meinſt ſomit in den Salons auftreten zu können, ohne dich gegen die Geſetze der guten Lebensart zu verſündigen 20 , Ja, in den Salons zu Haraldshof, wenn auch nicht in der Hauptſtadt. Die Schuld liegt an Dir, lieber Pag⸗ an Dir,

wenn ich niemals für das Stadtleben taugen werde, Du haſt