263 Liebe und Schwermuth kräuſelte ihre Lippen, als ſie
ſeinem Blick begegnete.
„Haſt Du wirklich genau überlegt, ob Du mir auch die Fehler und Treuloſigkeiten des Vicomte von Outrouville vergeben kannſt?“ fragte ſie.
Ein leichter, flüchtiger Schatten zog über Wil⸗ helms Stirne, während er antwortete:
„Ich habe den Vicomte vergeſſen; Eſtelle allein
gegen das Land Deiner Geburt zu handeln.“
Wilhelm hatte ſich neben Eſtelle geſetzt und ſagte:
„Ich begehre nichts zu wiſſen. Meine Mutter, welche während dieſer angſtvollen Wochen in meiner Seele geleſen hat, kann Dir ſagen, daß Du ſo wie Du biſt— mein Glück ausmachſt.“
520' weiß, daß ſie ſo glaubt,“ antwortete Eſtelle, „aber—“ 28 1
„Kein weiteres Aber,“ fiel die Freifrau ein. „Meines Sohnes Glück heißt Eſtelle.— Mag es Ihnen, mein Kind, noch ſo mangelhaft vorkommen, ſo iſt es doch das ſeine, und es wäre grauſam, ihm haſſlbe verſagen zu wollen,“ ſetzte ſie lächelnd
inzu.
„Ach, Madame, ich vermag mich wohl zu ſolcher Hochherzigkeit nicht zu erheben; aber Krankheit und Prüfungen haben mich gelehrt, daß wir uns nicht auf die Gefühle, wenn ſie in Aufwallung ſind, ver⸗ laſſen dürfen. Es gab eine Zeit, wo ich fürchtete,


