244 „Sie iſt unſchuldig— die Schuldige bin ich! „Als ich noch ſehr jung das Kloſter verließ, wo
ich erzogen worden, waren meine Eltern in eine
beſſere Welt eingegangen, und mein Halbbruder, der
Graf d'Eſtrier, war derjenige, welcher mir ihren Ver⸗
luſt erſetzen ſollte. „Charles und Eſtelle waren ein Jahr in Frank⸗
reich geweſen, als ich, ein frommes, unerfahrenes ſechszehnjähriges Kind, den Frieden des Kloſters mit dem glänzenden Hotel vertauſchte. Alles, was ich hier ſah, war mir fremd. Der einzige Bekannte den ich traf, war meines verſtorbenen Bruders Ka⸗ merade, der Marquis Jules Saint Sue. Er wurde auch mein Freund und Vertrauter. „Eſtelle war, wie Sie vielleicht gehört haben, die gefeiertſte Frau der Zeit. Unter Allen, welche ſie umgaben, zeichneten ſich der Herzog** und der
Graf D. durch die Beharrlichkeit ihrer Huldigungen
aus. 3 „Ungewöhnt an das Salonleben und alle die
daſelbſt geſtatteten Koketterien, ſah ich in dem Herzog
und dem Grafen D. zwei Feinde von der Ehre des
Grafen d'Eſtrier. Ich ſprach mich eines Tags gegen
Charles dahin aus, daß es mir ſcheine, als handle
er unrecht, indem er ſeine Gattin vernachläßige. Er
fragte mich in ſeinem trägen, gleichgültigen Ton, ob es Etwas gäbe, wodurch Eſtelle ſich bemerklich mache.
Ich antwortete ihm ehrlich, es komme mir vor, als
ob der ſchöne und liebenswürdige Graf D. ſie allzu
ſehr intereſſire.. „Den Tag darauf war ein großes Diner bei
meinem Bruder. Graf D., jung, ſchön, witzig und


