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»Madame Raynal,« ſagte der Doctor in feierlichem Tone,„Ihr Verhalten iſt gelind geſprochen, unregelmäßig ge⸗ weſen. Sobald Sie einmal krank waren und Ihr ärztlicher Rathgeber von Ihrer Krankheit in Kenntniß geſetzt worden, hatten Sie kein Recht, anders als mit ſeiner Hilfe geſund zu werden. Da Sie ſonach ſich untauglich bewieſen haben, eine Krankheit richtig zu ertragen, ſo verlangt es meine Pflicht von mir, Ihnen nicht zu geſtatten, jemals wieder krank zu werden, dafern Sie nicht meine ſchriftliche Erlaubniß dazu erlangt haben.*
Laura nahm dieſen Scherz mit großem Beifall auf, nicht ſo aber die Baronin.
Der Doctor blieb einen Monat in Beaurepaire und reiſte dann wieder nach Paris, und da er jetzt ein reicher Mann und noch nicht zu alt war, um an unſchuldigen Vergnügun⸗ gen Genuß zu finden, ſo reiſte er fortwährend zwiſchen den beiden Plätzen hin und her und brachte abwechſelnd ungefähr einen Monat an jedem zu.
So verging die Zeit.
Joſephine verfiel in einen Zuſtand, der ſich faſt nicht beſchreiben läßt. Ihr Herz war voll von tödtlichen Wunden, und dennoch ſchien es in Folge eines geheimnißvollen halb hei⸗ lenden Balſams zu pulſiren und zu ſchmerzen, aber nicht mehr zu bluten.
Strahlen einer ſeltſamen faſt wahnſinnigen Freude durchzuckten ſie— den nächſten Augenblick gewann das Nach⸗ denken wieder die Oberhand, ſie ließ den Kopf hängen und ſeufzte bitterlich. Dann verſank wieder Alles in einer wilden Furcht vor Entdeckung.
Sie ſchien am Rande eines Stromes der Wonne zu ſte⸗ hen— einer neuen göttlichen, unerſchöpflichen Wonne, und


