Teil eines Werkes 
3. Theil (1858)
Entstehung
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»Nein, meine Schweſter,« ſagte Laura.»Die Zeit ſtumpft deinen Schmerz ab. Und um meinetwillen wünſcheſt Du zu leben um meinetwillen, die ich Dir in's Grab nach⸗ folgen würde, meine geliebte Schweſter!«

»Ja, Laura, Du liebſt deine arme Schweſter zu ſehr. Ich fürchte, Du liebſt mich mehr als Eduard.«

Er hat keine Leiden zu ertragen. Ja, meine arme ge⸗ duldige Heilige, mein Leben ſcheint mir zu klein und zu unbe⸗ deutend zu ſeyn, als daß ich es Dir ſchenken könnte.«

»Es iſt ein großer Troſt ſo geliebt zu werden,« ſchluchzte Joſephine.»O, daß doch Niemand ſonſt als Du mich geliebt hätte! Ich habe ein Weſen, welches mich auch zu innig liebte, zur Verzweiflung getrieben. O, meine Schweſter meine Schweſter!*

Dies war das erſte Mal, daß ſie ſeit Monaten auf Ca⸗ mill anſpielte. Sie bewachte die Zugänge zu ihrem Herzen, die arme Seele. Sie kämpfte für ihre Reinheit eben ſo mu⸗ thig, wie Helden jemals für Ruhm oder Märthrer für die Wahrheit kämpften.

Joſephinens Ausſehen beſſerte ſich immer mehr. Ihre hohlen Wangen erlangten wieder ihre friſche Rundung und ihre Schönheit ihre Blüthe und ihre Geſtait ward edler und ſtattlicher und in ihrem Innern fühlte ſie ein Gefühl von un⸗ bezähmbarer Lebenskraft. Ihre Eßluſt war ſeit einigen Mo⸗ naten außerordentlich gering und unſicher, ſeit einiger Zeit aber in Folge einer vermeinten Reaction, ſo wie ſie in der Jugend nach einer langwierigen Krankheit oft vorkommt, nicht blos geſund, ſondern auffallend ſtark geweſen.