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„Aber, Jacintha, ich bin ſo erſchrocken! Meine Schwe⸗ ſter iſt ſonſt nicht zu dergleichen Anwandlungen geneigt. In meinem ganzen Leben habe ich ſie, außer heute, erſt ein einzi⸗ ges Mal ohnmächtig werden ſehen.«
„Und ich will es auch nicht wieder thun, da es Dich ſo erſchreckt,« ſagte Joſephine leiſe zu ihrer Schweſter und ſetzte dann in italieniſcher Sprache hinzu:»Ich hoffte, es würde mein Tod ſeyn, liebe Schweſter, aber dieſer kommt nicht zu den Unglücklichen.*
„Wenn Du das gehofft haſt,« entgegnete Laura in der⸗ ſelben Sprache,„ſo liebſt Du deine arme Schweſter nicht ſo, wie ſie Dich liebt.“
Während dieſes italieniſchen Dialogs hafteten Jacintha's ſchwarze Augen mißtrauiſch bald auf dieſer, bald auf jener der beiden Schweſtern. Ihr Mißtrauen aber ſchoß weit von dem Ziele vorbei.
„Nun kann ich aber wohl gehen und es der Mama ſagen?*
„Nein doch, Mademoiſelle! Madame Raynal, helfen Sie mir doch und verbieten Sie es ihr.«
„Aber was geht es denn Dich an? fragte Laura heftig.
„Würde ich Ihnen wohl widerſprechen, wenn es mich nichts anginge?*
„Nein, und ich will Dir auch deinen Willen thun, ſo⸗ bald Du Dich herabläſſeſt, mir einen Grund anzuführen.«
Einigen von uns würde dies ganz vernünftig erſcheinen, aber Jacinthen erſchien es nicht ſo. Sie fühlte ſich dadurch ſogar verletzt.
„Fräulein Laura,« ſagte ſie,»als Sie klein waren und dann und wann etwas von mir verlangten, habe ich da je⸗ mals zu Ihnen geſagt: Gib mir erſt einen Grund an?*


