158
XV.
Joſephine Raynal iſt Euch nicht fremd, lieber Leſer. Die meiſten von Euch wiſſen von ihr mehr, als von irgend einem andern weiblichen Weſen ihrer Bekanntſchaft. Kommt mir
mit eurer Kenntniß zu Hilfe. Denkt Euch, während die lan⸗ gen Stunden und Tage und Wochen über ihrem Haupte da⸗ hinrollen, was dieſes liebende Weib für den Mann fühlt, den ſie von ſich geſtoßen— was dieſes dankbare Weib für den Wohlthäter empfindet, den ſie, ohne es zu wiſſen, beleidigt, aber niemals mit offenen Augen beleidigen wird— was die⸗ ſes Weib, rein wie Schnee und ſtolz wie Feuer, bei dem An⸗ blick der Schwäche fühlt, zu welcher die Umſtände ſie verlei⸗ tet haben.
Legt das Buch einen Augenblick lang nieder— ſchließt die Augen und denkt Euch dieſe ſeltſame Form des menſchli⸗ chen Leidens.
** *
Eines Tages erhielt Doctor Saint⸗Aubin einen Brief von einem Buchhändler, worin dieſer ihn fragte, ob er noch geſonnen ſeh, ſein werthvolles Werk über die Inſecten zu ver⸗ öffentlichen. Der Doctor war ganz erſtaunt.
»Mein werthvolles Werk! Denken Sie nur, Laura; Niemand wollte früher etwas davon wiſſen, und beſonders dieſer Verleger trat ſcheu vor mir zurück, als ob meine Inſec⸗ ten auf dem Buche ſtechen könnten.«


