Teil eines Werkes 
3. Theil (1858)
Entstehung
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Ja, am dritten Mail«

»Ha!s rief die Baronin auffahrend.Dann kann er noch leben. Er muß leben. Der Himmel iſt barmherzig! Der Himmel würde mir nicht meinen Sohn rauben einer armen alten Frau, die nicht lange mehr zu leben hat. Es war doch ein Brief da! Wo iſt der Brief?«

»Ja, der Briefl« rief der Doctor.»Ich hatte ihn. Er iſt meinen Fingern entſunken. Ich dachte an nichts als an das Zeitungsblatt.«

Nach kurzem Suchen fand man den Brief zerknittert an der Thür liegen. Camill hob ihn auf und gab ihn der Ba⸗ ronin.

Leſen Sie leſen Sie, alter Freund! Wir ſind aber Beide alt. Unſere Hände zittern und unſere Augen ſind trübe. Dieſer junge Herr da wird ihn uns vorleſen, ſeine Augen ſind nicht düſter und trübe. O, eine innere Stimme ſagt mir, daß ich, wenn ich dieſen Brief höre, erfahren werde, ob mein Sohn lebt. Warum leſen Sie ihn mir nicht vor, Camill? rief ſie faſt heftig.

Camill gehorchte auf dieſe Weiſe gedrängt mechaniſch, und begann Raynal's Brief laut vorzuleſen, faſt ohne zu wiſſen was er that.

Meine theure Mutter! ich hoffe, daß Alle in Beaurepaire ſo wohl auf ſind wie ich, oder wie ich vielmehr bald zu ſehn hoffe. In unſerm letzten Scharmützel bekam ich eine Wunde, keine ſehr ge⸗ fährliche, obſchon ſie mir eine Zeitlang das Schrei⸗ ben unmöglich machte. s Weiter, lieber Camille, weiter!«

Die Seite iſt hier zu Ende, gnädige Frau.« Das Papier war dünn und Camill, deſſen Hand zitterte,

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