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„Weil er auf dem Krankenbette liegt, der arme junge Mann!*
„Und Ihre Schweſter?“
„Meine Schweſter? Fragen Sie meine Mutter, ob ſie einen Liebhaber hat.“
„Wozu ſoll ich Ihre Mutter fragen? Ich frage Sie. Sie könnte keinen Geliebten haben, ohne daß Sie es wüßten.«
„Das ſollte ich auch meinen. Wohlan, mein Herr, ich habe ſie ſeit drei Jahren außer mit Herrn Riviere mit keinem jungen Manne auch nur drei Worte ſprechen ſehen.
„Das iſt genug,entgegnete er und riß den Brief ruhig in tauſend Stücke.
Laura ſah nun, daß ſie ein wenig aufrichtiger ſeyn könnte und fuhr fort:
„Verſtehen Sie mich wohl, ich kann nicht von dem ſpre⸗ chen, was geſchehen iſt, als ich noch Kind war, wenn ſie aber jemals ein derartiges Verhältniß gehabt hat, ſo hat ſie es wenigſtens nicht weiter verfolgt, denn ſonſt hätte ich den Ge⸗ genſtand im Laufe der Jahre doch zu ſehen bekommen müſſen.*
„O, was flüchtige Liebeleien betrifſt, ſo ſpreche ich nicht davon. Ein liebenswürdiges Mädchen wächſt nicht auf, ohne daß Einer oder der Andere ihr einigen Unſinn ins Ohr flü⸗ ſterte Ich ſelbſt ürde oft auf dieſe Weiſe geliebelt haben⸗ aber ich hatte niemals die Zeit dazu. General Bonaparte läßt einem wohl Zeit zum Eſſen und Trinken, aber nicht zum Schla⸗ fen oder Liebeln, und das erinnert mich daran, daß ich noch einen tüchtigen Weg zurückzulegen habe. Somit leben Sie wohl, Schwägerin, nicht wahr?“
„Ja, leben Sie wohl, Schwager.*
Als Laura allein war, ſtiegen einige bange Ahnungen in ihr auf. Sie hatte ſich nicht ganz unzweideutig gegen einen


