Teil eines Werkes 
1. Theil (1858)
Entstehung
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welches er lieben könnte, nachdem er Dich kennen gelernt? Joſephine, je mehr ich Perſonen unſeres Geſchlechtes kennen lerne, deſto mehr überzeuge ich mich, daß Du die ſchönſte junge Dame in Frankreich, folglich in Europa biſt.«

Das Lächeln, welches dieſe Bemerkung auf Joſephinens Lippen hervorrief, war ein ſehr mattes.

»Wenn dem wirklich ſo wäre,« entgegnete ſie,ſo hätte ich jedenfalls wenigſtens ein Herz zu feſſeln vermocht.«

Haſt Du denn deinen Lafontaine vergeſſen?

Was willſt Du damit ſagen?«

»Frinnerſt Du Dich nicht mehr der Fabel von dem Hahn, welcher eine Perle fand und dieſelbe verſchmähte? Und warum? Nicht weil Perlen weniger werth wären als Gerſten⸗ körner, ſondern weil er ſie nicht zu ſchätzen wußte. Deshalb bemitleide ich dieſen Mann, welcher in der Liebe eines Engels hätte ſchwelgen können und ſich derſelben auf ewig verluſtig gemacht hat. Doch Du ſeußzeſt.

Vergib mir.«

Ich ſoll Dir vergeben? daß Du ſeufzeſt? Dann muß ich wirklich ſehr tyranniſch ſeyn.«

Eines Tages trat Laura in das Zimmer, wo die Baro⸗ nin, Doctor St. Aubin und Joſephine beiſammenſaßen.

Sie nahm unbemerkt Platz.

Joſephine jedoch, welche eine Minute ſpäter aufblickte, ſah ſogleich, daß etwas vorgefallen ſey. Laura war, wie ſie bemerkte, trotz ihrer erzwungenen Ruhe in großer Aufregung. Ihre Augen begegneten ſich. Laura gab ihr einen kaum be⸗ merkbaren Wink und ſtand ſodann ſofort auf und verließ das Zimmer. S

Joſephine wartete einige Secunden, dann erhob ſie ſich