Teil eines Werkes 
1. Theil (1858)
Entstehung
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Nun gut!« rief Laura, indem ſie in die weißen Wo⸗ gen hineinſank, wie eine Schneeflocke in das Waſſer.Ich erwarte Dich.«

Joſephine ſah wie die liebende Schweſter durch ihre Thränen ſchalkhaft hindurchlächelte. Sie drückte ſie zärtlich an ihr bekümmertes Herz und ſah zu, wie die hellen Augen ſich endlich ſchloſſen, die Korallenlippen ſich cheilten und die Perlenzähne im halbkindiſchen Schlafe ſichtbar wurden.

Am nächſten Morgen fühlte Laura beim Erwachen, daß

etwas ihre Wange berührte. Sie hielt die Augen geſchloſſen

und Joſephine, welche glaubte, die Schweſter läge noch in feſtem Schlafe, begann ſie zu küſſen, aber nur wie der Süd⸗ wind die Veilchen küßt, und flüſterte:Kleiner Engel!« und betrachtete ſie mit dankbarem, liebendem Blick.

Der kleine Engel, der auch zugleich ein kleiner Schalk war, lag ſtill und that als ob er ſchliefe, denn er fühlte, daß er Zutritt gewann in dem innerſten Herzen der Schweſter.

Von dieſem Tage an waren ſie Vertraute und Freun⸗ dinnen und hatten nie einen Gedanken oder ein Gefühl, wel⸗ ches ſie nicht mit einander getheilt hätten.

Joſephine fand bald, daß ſie nur ſehr wenige Thatſa⸗ chen zu offenbaren hatte. Laura hatte ſie ſchon ſeit Monaten genau und ſcharf beobachtet. Ihr Vertrauen war es, was die jüngere Schweſter verlangte, nicht ihr Geheimniß, denn dieſes kannte ſie bereits.

Von dem ſtillen, nagenden Kummer aber, an welchem Joſephine bis jetzt gelitten, ward ſie durch Laura erlöſt. Sie konnte nun iedem Gefühl, welches in ihr aufſtieg, Luft ma⸗ chen ihrem Gram, ihrem Zweifel, ihrer Entrüſtung, ihrem Stolz und jener allgewaltigen Liebe, welche zu gewiſſen Zei⸗ ten alles Andere in den Hintergrund drängte. Sie brauchte