Teil eines Werkes 
1. Theil (1858)
Entstehung
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ſicht der Etikette zuwider und deshalb unangemeſſen ein Begriff, in welchem für ſie zugleich der Begriff des Unmög⸗ lichen lag.

Ihre Schweſter liebte Joſephine ſehr zärtlich, aber Laura war drei Jahre jünger als ſie und ſie vermied es mit beſcheide⸗ nem Zartſinn, ihr Gefühle anzuvertrauenderen bloße Erwähnung das weibliche Herz über die Jahre der Kindheit hinaushebt.

Deshalb verſchloß Joſephine ihr Herz und die wonnige erſte Liebe ſchmiegte ſich tief in ihr innerſtes Weſen hinein und durchſchauerte ihre geheimſten Adern und Fibern. Leider kam die Zeit, wo dieſes liebende aber ſtolze Gemüth dem Himmel dankte, daß es die Tiefe ſeiner Anhänglichkeit an Camill Dujardin niemals öffentlich bekannt hatte.

Sie hatten einander ſeit nunmehr zwei Jahren nicht ge⸗ ſehen, und er war ſeit ungefähr einem Monate zur Phrenäen⸗ armee verſetzt worden, als plötzlich alle Correſpondenz von ſeiner Seite aufhörte.

Ihre raſtloſe Unruhe verwandelte ſich in Angſt, als die⸗ ſes Schweigen andauerte, und ſtündlich erwartete Joſephine die Nachricht vom Tode des Geliebten zu erhalten.

Monate gingen ſchweigend vorüber.

Dann ſtellte ſich eine neue Qual ein. Da er nicht todt war, ſo mußte er untreu ſeyn. und bei dieſem Gedanken er⸗ wachte der ganze Stolz ihres Geſchlechtes.

Der Kampf zwiſchen Liebe und Entrüſtung war faſt zu heftig für ihr ſonſt ſo weiches Gemüth.

Launenhaft, bald heiter, bald ſchwermüthig, gab ſie ſowohl ihrer Mutter als auch dem guten Doctor St. Aubin Stoff zu Unruhe und Beſorgniß. Letzterer war, glaube ich, von der Wahrheit nicht ganz ſo ununterrichtet, als es ſchien,