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vrückte er ſeine Lippen auf die ihren und hielt das liebliche Mädchen umfaßt, als wolle er ſie nie mehr loslaſſen im Leben.
Da hörte man Tritte auf der Treppe und Stim⸗ 1 men. Die Liebenden fuhren erſchrocken auseinander.
Wenige Minuten ſpäter öffneten ſich die Thüren zu beiden Seiten des Zimmers faſt zu gleicher Zeit, und während Mutter Hedwig durch die eine derſelben eintrat, erſchienen unter der anderen zwei Männer.
Es war der Syndicus Frantz und der würdige Schneidermeiſter Franz Blaſius Wenck.
„Ach! ſieh da! Hugo! da iſt er ja, der alte Junge!“— rief Syndicus Frantz, der heute nach langer Zeit einmal wieder in Luſt und Freude ſtrahlte. Mutter Hedwig ſtand ſtarr vor Staunen.
„Ja, ſtaunt nur!“— rief der Syndicus zu Mutter und Tochter gewandt,—„ſtaunt nur, daß ich den Stammhalter der Zedlitz, die uns jetzt ſo feindlich gegenüberſtehen, wie die Montagues den Capulets, hieher beſchieden und zu Tiſche gebeten 5 habe. Aber ich will nach Kräften gut zu machen ſuchen, was man hier in Straßburg an dem braven Hugo geſündigt hat. Er iſt der Retter unſerer Vater⸗ ſtadt, der Held des Tages; er hat mit Lebensgefahr Straßburg ſich ſelbſt erhalten, und ſo müßte ich mich verachten, wollte ich den traurigen Haß, der


