Teil eines Werkes 
3. Band (1841)
Entstehung
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ſeit langen Zeiten Geſchehenen auf die neueſten Exeigniſſe

ſchließend, umgekehrt und unlogiſch von dem ſich letzt Be⸗

gebenen auf die Erſcheinungen des grauen Alterthums folgernd den allgemeinen Ausſprüchen und Hinweiſungen der Propheten auf Meſſiaſſe, Volksretter u. ſ. w. eine ganz unrichtige und ein⸗ ſeitige Deutung, behauptend: Alle jene Hinweiſungen hätten nur eine beſtimmte Perſon gemeint und dieſe ſey Jeſus Chriſtus.

Einmal dieſen, den Meinungen der Chriſten ſo gün⸗ ſtigen Weg betreten, ging man immer weiter und folgerte die unfinnigſten Dinge.

So wandte unter andern ſchon Juſtin der Märtyrer, der in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lebte, gegen den Rabbiner Tryphon, um denſelben für das Chriſtenthum zu gewinnen, den Pſalm 22 auf Chriſti Leidensgeſchichte an, ohne jedoch ſeinen Zweck zu erreichen, weil dieſer gelehrte Jude, der das dem Juſtin unbekannte Hebräiſche gründlich verſtand, gar wohl eingeſehen haben mochte, nach dem Zuſammenhang dieſes Pſalms ſey von einem, von kriegeriſchen Feinden Umgebenen die Rede,

der ſich vor derſelben Schwert, nicht vor dem Kreuze

zu fürchten habe, und, während ihn ſelbſt eine Fieber⸗ krankheit niedergeworfen hatte, ſo umzingelt war, daß ſeine Feinde ſchon ſich in ſeine Kleider und ſonſtige Geräth⸗ ſchaften, als eines Gefangenen, zu theilen ſich freuten. (Klavis über die Pſalmen von Dr. Paulus, Heidelberg 1815.) Ebenſo war man unſinnig genug, vieler anderen ähnlichen Folgerungen nicht zu gedenken, die Stelle bei Jeſaias V, 14.) auf die Jungfrau Maria zu deuten, da doch der ganze Zuſammenhang es mit ſich bringt, daß das be⸗ ſprochene Ereigniß den König Ahas, nicht aber die Nach⸗ welt, über die Niederlage ſeiner Feinde habe beruhigen ſollen. III. 14