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„Von dieſer Vorbilderlehre irre geführt, hat man kein Bedenken getragen, dem gedachten Pſalm 22 die Ueberſchrift zu geben:„Weiſſagung von Chriſti Leiden und Herrlichkeit“ und der Inhalt des erwähnten Kapitels bei Jeſaias wird mit den Worten bezeichnet:„Der Meſſias
ſoll von einer Jungfrau geboren werden.“— Es war der Schriftforſchung unſerer Zeiten vorbehalten, die Regel aufzuſtellen, daß die heilige Schrift durchgängig nach dem natürlichen Zuſammenhange und unter ſorgfäl⸗ tiger Anwendung hiſtoriſcher und philologiſch ⸗kritiſcher Forſchungsmittel verſtanden werden müſſe, indeß die An⸗
führung ſolcher Stellen, wie die erwähnten ſind, nur als
paſſende Gleichnißſtellen, nicht als Weiſſa⸗ gungen anzuwenden ſeyen.(„Teutſchland und Rom,“ von Dr. Fetzer, Frankfurt a. M. 1850.)
Durch Folgerungen, wie die oben erwähnten, verwan⸗ delte man die Propheten, jene einfachen, aber geiſtes⸗ kräftigen, für das Wohl ihrer Nation hochbegeiſterten Sittenlehrer, in Weiſſager und verband von nun an mit der Benennung Prophet den Begriff des Vorausſehens und Vorausverkündens zukünftiger Dinge.
Welche unſelige Folgen dieſer Irrthum hatte, beweist die Geſchichte des Chriſtenthums; ja ſelbſt noch heut zu Tage iſt er die Ouelle moſtiſcher und abgeſchmackter Be⸗ hauptungen und ein großes Hinderniß der rationellen Auffaſſung der Evangelien, indem ſich die Freunde der Finſterniß auf dieſe, durch Zeit und Gewohnheit eingebür⸗ gerte und heiliggewordene Anſicht zu ſtützen wiſſen. 3
Dieſe wenigen Erinnerungen wollte der Verfaſſer ſeinen geneigten Leſern ſcheidend noch zurufen, mit der 3 Bitte, ſolche, iſt es ihnen wirklich um ein richtiges Ver⸗ ſtändniß der Bibel zu thun, nicht unberückſichtigt zu laſſen.
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