Druckschrift 
Genial : Roman / von Heribert Rau
Einzelbild herunterladen

268

der Schurke hatte erreicht, was er beabſichtigt. Er ließ daher das junge Weib leiſe aus ſeinen Armen auf den Boden gleiten, warf, zähnefletſchend, noch einen triumphirenden Blick auf das Opfer ſeiner Bos⸗ heit und verließ dann ſchnell mit den Worten:„Ich

bin gerächt!“ das Zimmer.

Auguſte lag lange Zeit regungslos am Boden. Daß ſie Ferdinand nicht mehr liebe, hatte ſie lange geahnt, ja gewußt; die Nachricht aber, daß ſie ihm gleichgültig ſei, daß er ſie noch ſpottend, einer eitlen Creatur geopfert, mit der er ſchamlos öffentlich 46 lebe, traf ihr Herz mit tödtlicher Gewalt. Es war mehr, als ſie tragen konnte; denn auch die kräftigſte menſchliche Natur hat ihre Grenzen, ſie iſt Freud' und Leid, Entzücken und Schmerz bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte gewachſen; ſobald dieſer aber überſtie⸗ gen wird, bricht ſie unter der Laſt des Affektes zu⸗ ſammen und geht zu Grunde. So ging es denn auch mit der unglücklichen Gattin Wellen's. Als ſie erwachte, fühlte ſie ſich eine Andere als bisher. Kein Zorn, kein Schmerz, keine Eiferſucht; aber auch keine Liebe und kein Hoffen bewegte ihr Herz mehr. Erſtarrt ſtand ſie vor dem Leben, das wie eine kalte, nackte Winterlandſchaft öde vor ihr lag. Sie ver⸗ langte keinen Troſt, ſie bewegte keine frohe Ahnung,