Druckschrift 
Genial : Roman / von Heribert Rau
Einzelbild herunterladen

51

Morgenluft angeweht, nach ſeinem Lieblingsſtudium den Dichtern. Er überflog an ſeinem Bücherſchranke die Namen der Autoren, welche die Rückſeiten der Werke in goldenen Buchſtaben trugen. Als er an „Freiligrath's“ Gedichte kam, durchzuckte es ihn wie ein electriſcher Funke. Er nahm das Buch und ſchlug es auf. Er hatte die„Meerfahrt“ vor ſich und las das Gedicht mit Behagen. Aber es er⸗ weckte in ihm eine eigenthümliche Unruhe, eine Sehn⸗ ſucht, und als er die letzte Strophe:

„Er lebt in den Häuſern der alten Zeit,

Wo die Muſchel blitzt, wo der Bernſtein glüht,

Unten die alte Herrlichkeit,

Oben ein Fiſcherlied.“ geleſen und wiederholt hatte, ſprang er auf, warf das Buch zur Seite und rief:

„Jetzt weiß ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hatte!— Ich muß einmal wieder hinaus, auf die See, meine Seele weiten und dehnen an dem groß⸗ artigen Anblick des Meeres.“

Und er ging raſch in ſeinem Zimmer auf und ab, überlegend, wohin er heute gehen und wen er zu der Parthie einladen wolle.»Der Plan war ſo ſchnell gefaßt, als der Gedanke in ihm aufgeſtiegen. Seinen neuen Freund von geſtern Abend mußte er