Druckschrift 
Freuden und Leiden eines Commis Voyageur / [Heribert Rau]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

In der Jugend⸗ ſchließen ſich die Menſchen, ſelbſt bei verſchiedenen Charakteren leicht an einander, weil eben in dieſer Blüthenzeit des Lebens der roſige Nebel der Poeſie alle Dinge umſchwebt, und deren ſcharfe, verletzende Ecken und Kanten verbirgt; weil man dann Herz und Sinne noch voll Ideale hat und daher überall auch ſolche zu ſehen glaubt, bis die Erfahrung uns abkühlt, der Zauberduft ſchwindet, und wir nun eben ſo geneigt werden, die Fehler Anderer hervorzuſuchen, wie wir früher bedacht geweſen waren, deren Tugenden zu überſchätzen. Gerade hierin liegt aber das Glück der Jugend. Iſt der nicht glücklicher, wel⸗ cher— wenn auch im Wahne— in jedem Mädchen eine keuſche Göttin erblickt, als Jener, der allen Glauben an weibliche Tugend verloren hat?— Gewiß werden die mei⸗ ſten dauernden Freundſchafts⸗ und Liebesbündniſſe zwiſchen dem achtzehnten und fünfundzwanzigſten Jahre geſchloſſen, und wenig innige mehr darüber.

Auch Zacharias und Ernſt Dahlmann waren bald Freunde. Sie ſchloſſen den neuen Bund im Magazine des Hauſes, indem ſie auf einem Ballen, der ihnen zum Altare diente, das Opfer einer Flaſche Wein brachten.

Ernſt, der, wie ſo viele Söhne reicher Eltern, weder Luſt am Lernen noch an irgend einer ernſten Beſchäftigung hatte, und ſchon lange mit dem— für ein kaufmänniſches Vaterherz entſeßlichen Gedanken;„zur Bühne zu gehen,“ umging, war ganz außer ſich, als er hörte, daß auch Zacharias früher ſolche erhaßene Plane gehegt.

Dieſe Entdeckung öffnete alle Schleußen ſeines Herzens, und nachdem er tüchtig auf den Kaufmannsſtand losgezogen, frug er endlich Hartmann: wie ihendenn Herr Duppendorf gefallen?