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ich fand ſie verändert, ſie war weniger innig als ſonſt, ihre Eltern verſchoben die Vermählung, und wichen augenſcheinlich jeder Erklärung aus, ich forderte ſie endlich, und erhielt— einen Abſage⸗ brief. Getäuſcht in meiner Liebe ſchloß ich mich in meinem Schmerze noch mehr meinem Freunde an; doch auch ſein Benehmen war verändert, in einigen Tagen erfuhr ich, er ſei der Bräutigam des Mädchens, das ich geliebt hatte! Ich war in Verzweiflung, der Verwandte, der Freund, die Geliebte hatten mich betrogen, ich ſah überall um mich herum nichts als Eigennutz, Lüge, Heuchelei und Verrath. Da brach der Krieg mit Frank⸗ reich aus, für mich war dies eine erwünſchte Ge⸗ legenheit, ich ward Soldat. Im Angeſichte des Todes, ſo glaubte ich damals, müßten doch die niedrigen Leidenſchaften der Menſchen aufhören; ich war überzeugt, ich würde auf dem Schlacht⸗ felde entweder den Tod oder aufrichtige Freunde finden. Vor dem Ernſte des Todes, der uns ſtets bedrohte, muß ja, ſo glaubte ich, die Kleinlichkeit und der Egoismus der Menſchen verſchwinden und
jede Maske der Verſtellung fallen. Und dennoch n. 17


