226
wohl mit vielen Menſchen theile, namentlich mit Vielen meines Geſchlechtes), daß mein Herz ſich ſelbſt und ſeine eigenen Wünſche immer erſt verſtand, wenn es zu ſpät war und nachdem ich mit eigener Hand Hinderniſſe aufgethuͤrmt hatte, die mir die Rückkehr verſperrten. Was mir geboten ward, verſchmähte ich, um gleich darauf eben dieſem Verſchmähten als einem unſchätzbaren und unerſetzlichen Verluſte nachzujam⸗ mern. Der Oheim hatte doch wohl Recht gehabt: ich war eine Phantaſtin, mein ungeberdiger Sinn hing ſich nur immer an das, was mir verweigert war, die Gegenwart galt mir nichts, während der Glanz einer ungewiſſen Ferne mein träumeriſches Herz unwiderſtehlich beſtrickte. Aber freilich war es auch zum großen Theil die Schuld der verkehrten Erzie⸗ hung, welche ich eben durch meinen Oheim erhalten, daß ich ſo war; die gewaltſame, unnatürliche Unter⸗ drückung eines an ſich berechtigten Triebes, der richtig gelenkt, das Leben verſchönt und unſer Herz reicher und beſſer macht, rächte ſich, die gefeſſelte Phantaſie zerbrach ihre Ketten— aber führerlos, ohne Weg und Steg, trug ihr ungeübter Flügel mich in Re⸗ gionen, wo der Sturmwind des Schickſals mich er⸗ ſe und mich unerbittlich in den Abgrund ſchleu⸗ erte.


