34
Sechstes Capitel. Künſtlerleben⸗
Nach einer Pauſe, während deren ich ſie durch meine Liebkoſungen zu beruhigen ſuchte, fuhr ſie fort:
„Oder nehmen wir den zweiten Fall, ich hätte Dich mit mir genommen— glaubſt Du wirklich, daß Dein und mein Loos ſich dadurch glücklicher geſtaltet hätte? Jeder Menſch folgt ſeinem Stern— und mich haben nun einmal von meiner Geburt an Blut, Neigung und Schickſal zur Künſtlerin beſtimmt. Künſtlerin! Es iſt ein ſtolzes Wort und Viele giebt es, die uns in ihrer Einfalt darum beneiden. Ich aber, mein Kind, die ich nun ſeit beinahe zwanzig Jahren das Süße wie das Bittere, den Schaum wie die Hefe des Künſtlerlebens gekoſtet habe— ich ſage Dir, daß es ein elendes Daſein iſt für uns Weiber und daß ich oft, auf dem Gipfel meines ſogenannten Glückes, in der Fülle des Reichthums, umſchwärmt von Liebhabern und Bewunderern, die Magd beneidet habe, die den Staub vor meiner Thür zuſammen⸗ kehrte— warum? Weil Niemand von ihr weiß, weil ſie nicht ausgeſetzt iſt den Augen Aller an dieſem Pranger, den Ihr Ruhm nennt, weil ſie


