Teil eines Werkes 
2. Band (1856)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

197

und konnte doch ebenſo wenig herausfinden, worin ſie eigentlich beſtand und wohin ſie zielte. Unver⸗ wandt, ſo viel es irgend ohne den Anſtand zu verletzen geſchehen konnte, ſtarrte ich dieſen prächtigen, wahrhaft königlichen Kopf, dieſe feine ſtolz geſchwungene Naſe, dieſe köſtlichen friſchen Lippen an und immer ge⸗ wiſſer wurde es mir, daß ich ſie ſchon einmal geſehen hatte. Ja es war mir, als müßte ich ſchon ganze lange Zeiten mit ihr verlebt haben und es wäre nur das Wiederſehen einer alten lieben Bekannten, das ich feierte. Bild auf Bild, Gedanke auf Ge⸗ danke jagten ſich in meinem Hirn; endlich, wie man in ſolchen Stimmungen oft zu dem Trivialſten greift, nur um ſich von der innern quälenden Unruhe zu befreien, blieb ich bei der Frage ſtehen, wie alt die Fremde wohl eigentlich ſein möchte.

Und ſiehe da, auch das vermochte ich mir nicht zu beantworten. Daß ſie über die erſte Jugend hinaus war, zeigte weniger irgend ein Mangel an Friſche und Jugendlichkeit, als die reiche, üppige Fülle der hohen, wahrhaft junoniſchen Geſtalt; Farbe, Haut, Zähne, Alles war von untadeliger Friſche und doch lag über dem Ganzen ein Etwas gebreitet, ich möchte ſagen, eine gewiſſe ſatte, ſommerliche Be⸗ leuchtung, die es Einem unzweifelhaft machte, daß