39
wurden verordnet und die größte Aufmerkſamkeit und Ruhe zur Pflicht gemacht.
Und da war es nun wieder merkwürdig zu ſehen, wie neue und unerwartete Ereigniſſe auch neue und unerwartete Seiten des Charakters zu Tage bringen. Tante Fränzchen, im gewöhnlichen Gang der Dinge eine ſolche ſorgſame, pünktliche Hausfrau, hatte jetzt, wo ihr geliebter Sohn mit dem Tode
rang, den Kopf völlig verloren. Zehnmal in einer
Stunde ſprang ſie auf und erklärte, ſie müſſe dem Schwager ſchreiben, daß er zurücktäme; ein ſolches Schickſal allein zu tragen ſei für ſie zu ſchwer, ſie wiſſe ſich nicht aus noch ein, und jedesmal wieder, wie ſie ſich zum Schreiben hinſetzte, ſchob ſie das Blatt unter Stöhnen und Aechzen zurück und meinte: nein, jetzt ſei es noch zu zeitig, ſie wolle noch warten bis Nachmittag, oder bis zum nächſten Morgen, und wenn es ſich bis dahin nicht gebeſſert mit dem Kranken, dann wolle ſie auch ganz gewiß nicht län⸗ ger zaudern. Endlich, da das Geſicht des Arztes immer bedenklicher ward, befahl ſie Emil, ſtatt ihrer zu ſchreiben. Dieſer jedoch lehnte den Auftrag rund ab, indem er ihr mit einer ſonſt an ihm gar nicht gewohnten Trockenheit bemerklich machte, daß es dazu noch immer Zeit ſein werde, wenn Hermann
3


