Teil eines Werkes 
2. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

312

Der greiſe Kirchenfürſt überreichte dem neuen Ge⸗ neral ein ſchwarz geſiegeltes Schreiben.

Von Theodorens Hand! rief dieſer erblaſſend. Er riß es auf und verſchlang mit ſeinen Augen die Zeilen.

Nur wenige waren es mit zitternder Hand ge⸗ ſchrieben. Theodora, die arme, am Ziele ihrer Leiden an⸗ gelangte Theodora, ſprach dem Manne ihres Herzens in dieſen wenigen Zeilen den ganzen Jammer ihres Lebens aus. Sie klagte ſich an, daß ſie, getäuſcht über ſeine an⸗ geblich verlorene Liebe, dem ungeliebten Charlow ihre Hand gereicht habe; ſie hielt ſich nicht mehr würdig, Michelſon's Gattin zu heißen. Sie war todt für dieſe Welt, ſie nahm von dem Lieblinge ihrer Seele in den

zärtlichſten Worten Abſchied ſie hatte im St. Kathari⸗

nens⸗Ordensſtifte den Schleier genommen. Sie bat ihn nur, für ihren kleinen Bruder Sorge zu tragen.

Michelſon ſtand vernichtet.

Der furchtbarſte Augenblick ſeines Lebens war die⸗ ſer. Sich am Ziele ſeiner Hoffnungen wähnend, im Au⸗ genblicke, wo ſeine Hand die Roſe faſſen wollte, nach wel⸗ cher er gerungen mit aller Heldenkraft ſeines ſchönen Le⸗ bens fiel dieſe entblättert zu ſeinen Füßen nieder.

Aber größer als im Glücke iſt der Held im Un⸗ glücke. Schon faßte ſich der Mannhafte.

Seine Hand ruhte auf dem Diamantengriffe des