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Roſa's Uebelbefinden ſeit den letzten Tagen bedenk⸗ licherweiſe zugenommen habe, und—
„O,“ fiel ihr der Hauptmann ein,„dafür gibt's Rath, hochedle Frau, da nehmt dieſe Reliquie, die mir mein Kriegskamerad eben gab, und bringt ſie dem Fräulein, die bloße Berührung derſelben kann Geneſung bringen.“
Frau Polirena dankte dem Hauptmanne, und brachte die Kapſel ſogleich ihrer erkrankten Roſa, wor⸗ nach ſie ſich wieder in das Vorzimmer entfernte.
Während dem bog die Kranke mit ſchwacher Hand die kleine Kapſel auseinander, ein leiſer Schrei entfuhr ihren Lippen, denn ein kleiner weißer Zettel fiel heraus.
„Ein vergeſſener Bettler, las ſie, bittet um ein Almoſen..
„Ottowald!“ hauchte Roſa und ſank auf ihr Lager zurück. Dann erfaßte ſie den Zettel, um ihn zu verbergen, aber ſchon ſiel ihr die Aufſchrift der Kehrſeite in die Augen: In Klein⸗Venedig, ſtand darauf geſchrieben, harrt der Arme mit jeder ſchei⸗ denden Sonne um ſein Almoſen“
Jetzt trat Frau Polirena ins Gemach— Roſa, die kindliche, argloſe, aufrichtige Seele, verbarg zum


