Teil eines Werkes 
1. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

1617, als in dem erwähnten Häuschen zu Budweis zwei ſtille Beter mit tiefer Rührung und thränen⸗ dem Auge den ſanften Klängen der Orgel und Schalmeien lauſchten, die aus der Kirche des nahen Dominikanerkloſters um dieſe Mitternachtsſtunde herüberſchallten, verkündend die große Feier jener Stunde, in welcher vor ſechszehnhundert und ſieb⸗ zehn Jahren der Heiland der Menſchheit auf die arme Erde kam, um ihre Wunden zu heilen, und ſeine Ankunft zuerſt armen Hirten des Feldes ver⸗ künden ließ.

Die beiden Betenden waren eine Mutter und ihr Sohn.

Arm an Habe, aber reich an Glauben und Vertrauen ſaßen ſie bei ihrem Holztiſchchen, auf dem ein Holzteller mit Brod und einigem Ziegen⸗ käſe lag; und Georg, der zwölfjährige ſchöne Knabe mit dem rothen Wangenpaar und Feuerauge, las ſeiner Mutter aus dem Buche der Bücher das Leben des Weltheilandes vor, und hielr zuweilen inne, um den freundlichen Tönen aus der nahen Kirche nachzulauſchen. Aber die Orgel verſtummte all⸗ mälig, die Nacht rückte vor, und Myriaden flimmern⸗ der Sterne zogen am Himmelsdome empor, und der Mond ſtrahlte ſein fanftes Licht in die kleine Stube.