Teil eines Werkes 
4. Band (1854)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Waldblume, meine geliebte Schweſter, ſagte Morvan tief gerührt, warum willſt Du meinen Schmerz über unſere bal⸗ dige Trennung durch den Tod durch edle Lügen vermehren, die mir beweiſen, wie groß Dein Zartgefühl iſt!

Ich und lügen! entgegnete Waldblume lebhaft; Du vergißeſt, daß ſich Niemand mit mir beſchäftigt hat, daß ich ohne Unterricht aufgewachſen bin. Lügen! das iſt ja ſo ſchwer. Ich weiß nicht, wie ich es anfangen ſollte, meine Gedanken zu ver⸗ hüllen. Man würde mich über meine Ungeſchicklichkeit verſpotten. Ich wiederhole Dir's, mein Ritter Louis, Du haſt Dir über meinen Tod gar keine Vorwürfe zu machen. Du haſt mir wohl, wie ich Dir bereits geſagt habe, Leiden verurſacht; aber es war nicht Deine Schuld. Und, wenn Du wüßteſt!

Jeanne ſprach dieſe Worte, welche ſie ſchon einmal ſo ver⸗ wirrt gemacht hatten, mit faſt unverſtändlicher Stimme, ſo ſehr zitterte ſie; Morvan fühlte darüber, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu können, eine ungemeſſene Freude; auf einen Augen⸗ blick vergaß er den ſtechenden Schmerz, welchen ihm ſeine Wunde verurſachte und die ſchreckliche Lage, in der er ſich befand.

Was willſt Du denn mit den Worten:Wenn Du wüßteſt! ſagen, meine Schweſter? flüſterte er Waldblume in's Ohr.

Das liebliche Kind zauderte.

Mein Ritter Louis, ſagte ſie endlich, richte dieſe Frage nicht mehr an mich ſie verwirrt mich, ich kann Dir darauf nicht antworten.

Warum verwirrt Dich dieſe Frage?

Mein Gott! wie ſoll ich das wiſſen? Ich weiß es nicht. Es ſcheint mir, Du würdeſt meiner ſpotten, wenn ich mich erklärte, und ich ſchweige lieber. Das iſt Alles.

Schweigen iſt verhehlen und beinahe lügen; liebſt