— 29— welchen Jammer hat er michgeſtürzt! Und er glaubt noch, ein Recht zu haben, mit mir zu zürnen; er ſieht mich für ſtrafbar an. Dahin kommt ein Herz⸗ das ſich jedem ſanften Gefühl aus Anlage oder Grundſatz verſchloſſen hat!
Dieſen Morgen kam er plötzlich und in ſehr lebhafter Bewegung zu mir. Er hatte erſt geſtern ſpät den Nahmen und die Umſtände ſeines Kran⸗ ken erfahren. Mein ehemahliges Geſtändniß ſiel ihm ein; er eilte raſch zu mir, um mich um die urſache meiner vorſetzlichen Verborgenheit zu fra⸗ gen, da der Freund meiner Jugend unter einem Dache mit mir lebte. Seine ſtrenge Tugend hatte ſich eine wohlgefällige Vorſtellung dieſer Urſache entworfen. Er hatte mir Kälte und Andacht kge⸗ nug zugetraut, daß ich freywillig meinen liebſten Wünſchen entſagen, mich den Pflichten dieſes Hau⸗ ſes für immer widmen, und mein Leben in der ihm ſo erhaben dünkenden beſchaulichen Abgezo⸗ genheit zubringen würde. Er war ganz gerührt von dieſer Vorſtellung; er fing an, mich zu loben, ſein Auge ruhte mit väterlichem Wohlgefallen auf mir. O wie peinlich war mir dieß Lob! Richt der ungerechteſte Verdacht hätte mich halb ſo ſehr ge⸗ ſchmerzt. Eine Weile ſchwieg ich; endlich konnte ich's nicht länger ertragen. Ich geſtand ihm unter


