200 Sn⸗ er drickte ſie an ſeine Lippen, ſeine Augen
mit einem unausſprechlichen Ausdruck an den meinigen. Ich war ſo beklemmt, ſo verwirrt,
ich glaubte zu fühlen, daß ſeine Hand zitterte, daß
er ſeinen Mund feſter, länger als gewöhnlich, auf meine Hand drückte, ich glaubte Liebe, Reue, Trauer in ſeinem Blicke zu ſehen. O was glaubte ich Thörinn nicht alles! Meine Vorſätze waren verſchwunden, vergeſſen alle Kränkungen, aller Groll. Ich drückte ihm die Hand mit inniger Em⸗ pfindung. Er ſah mir ſo herzlich in die Augen. Ach, wie könnte das Verſtellung oder Leichtſinn ſeyn! rief mein überwallendes Gefühl, und nun war die Geſchichte aller vergangenen Tage verſunken und verloren. Ich dachte und fühlte nichts, als daß ich ihn wieder hatte, ihn, den ich über alles liebte! Wir hahen uns lange nicht geſehen, liebe Leonore! hob er mit ſeiner rührenden Stimme an.„O wahr⸗ lich lange nicht! Wie geht es Ihrem Bruder Iſt er beſſer? Sind Sie wieder ruhig 2“ Und nun ſchwatz⸗ ten wir ſo herzlich, ſo kindlich, ſo ohne Zurückhal⸗ tung, wie in jenen glücklichen, ach in den beſten Tagen meines Lebens! Ich ſchenkte ihm Thee ein, und trank zugleich mit ihm. Wir erinnerten uns lä⸗ chelnd an jene Zeit, wo uns meine Mutter den Kaffeh allein an einem kleinen Seitentiſche gab,
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