212
kein ſo zartes Ehrgefühl haben, wie ſie, und ſo fand ſie bald an Dalemil's Theilnahme für den„Verführer“ ſeiner Tochter nichts Wunderbares. Im Uebrigen glaubte ſie ſich irgend einer Sorge für ihre ehemalige Dienerin entſchlagen zu dürfen; ſie hatte ſie ja vor dem gefähr⸗ lichen Manne ſchützen wollen, ſie hatte ſie deßhalb zu ſich genommen und war ihr faſt eine mütterliche Freundin geweſen— dennoch war ſie in ihr Unglück gerannt— mochte ſie nun das Loos tragen, das ſie ſich ſelbſt zu⸗ gezogen.
Ehe ſich die Königin deſſen noch recht verſah, brach für ſie der Tag des Abſchiedes von dem König an. Sie war ihm in der letzten Zeit wieder näher gerückt. Der hohe Muth, mit welchem er dem Kampfe entgegen ging, und der täglich ſtieg, die Begeiſterung, mit der ſich das Volk um ihn ſchaarte, die Beweiſe von zärtlicher Liebe, die er ihr noch gab, machten einen tiefen Eindruck auf ihr empfängliches, leicht bewegliches Herz. Sie ſah in ihm wieder den Helden früherer Zeit, ſein Muth und die allgemeine Begeiſternng erfaßten auch ſie, und voll freu⸗ diger Zuverſicht gürtete ſie ihm das Schwert um, das ſeine Feinde zu Boden ſchlagen ſollte.
Tief bewegt, wie nie vorher, nahm König Otakar von den Seinigen Abſchied. Er umarmte ſeine Tochter Kunigunde und hob ihre jüngern Geſchwiſter nach ein⸗


