226
Dies gelang ihr den folgenden Tag beim Verlaſſen der Meſſe. Sie erwartete den Geliebten, der ſie nicht aus dem Auge ließ, am Kirchthor, und als er an ihr vor⸗ überging, nur mit einem herzinnigen Blick ſie grüßend, ließ ſie das Briefchen in ſeine Hand gleiten.
Zäwis eilte an einen menſchenleeren Platz und ent⸗ faltete begierig das Briefchen. Er erſtaunte nicht wenig über die darin enthaltene Nachricht. Er erinnerte ſich der Begegnung der Königin bei der Fiſcherhütte, und der Verdacht ſtieg in ihm auf, daß bei der Berufung Libusa's eine Intrigue im Spiele ſein möge. Er hätte ihr nach⸗ eilen, ſie warnen, ſie zurückhalten mögen; aber er ver⸗ warf im nächſten Augenblick ſeinen Verdacht und bedachte, daß, ſo lange er Libusa nicht zu ſeiner Gattin erheben könne, ſie nirgends beſſer aufgehoben ſei, als bei der Königin, für die er immer noch eine hohe Verehrung empfand. In ihrem Brieſchen verſprach Libusa einen Weg ausfindig zu machen, auf dem ſie manchmal mit ihm zu⸗ ſammenkommen könne. Dabei beruhigte ſich Zäwis für
den Augenblick. Mittlerweile war das Gerücht von der Verſchwö⸗ rung der mißvergnügten Barone in Prag immer lauter und beſtimmter geworden. Man bezeichnete das Haus, in welchem die Verſchworenen zuſammen kämen; es war dies ein großes Haus in der Nähe der Judenſtadt, das,


