Xxx Ueber das Reinigen
at ſich alſo recht eigentlich aus der Eigenthuͤmlichkeit der
olkes heraus entwickelt und gebildet, und nun, ſeit einigen Jahrtauſenden der Bildung des Volkes— in einer beſtaͤndigen Wechſelwirkung mit derſelben— gleichen Schritt gehalten, ein ſteter getreuer Abdruck und Spiegel der Bildung und des eiſtigen Lebens des Volkes ſelbſt. Und ſo ſieht unſre deut⸗ che Sprache jetzt da, als eine auf der einen Seite eben einfache, herzliche, gemuͤthvolle und wahrhaf⸗ tige, als auf der andern Seite reiche, nachdruͤckliche, kräftige, volltoͤnende und gewaltige Sprache; eben ſo geſchickt zu allen Arten der Dichtung und des Versbaues, als zur feierlichen Rede, und ganz vorzuͤglich zum hiloſophiren, zum abſtracten Denken und zur Speculation.
So wie ſich unſere deutſche Sprache ſchon in ihrem Baue und in ihrer Fuͤgung als die Sprache eines philoſophi⸗ ſchen, zum abſtracten Denken und zur Sperulgtion ſich n⸗ neigenden Volkes ankuͤndigt: ſo ließ es ſich leicht mit Gruͤn⸗ den darthun, daß keine der jetzt lebenden Sprachen zum Phi⸗ loſophiren geſchickter ſey, das Philoſophiren ſo ſehr erleichtere und beguͤnſtige, als die dautſche.— Und vewiß hatte Schil⸗ ler die deutſche Sprache in Gedanken, a' er ſagte:
Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache Die für dich dichtet und denkt, glaubſt du ſchon Dichter zu ſeyn.
So viel Grund und Recht das deutſche Volk alſo hatte und hat, auf ſeine Sprache ſtolz zu jeyn; ſo iſt doch wohl nie ein Volk ungerechter gegen ſeine Sprache geweſen, als eben das deutſche Volk, oder richtiger, als die deutſchen Schrift⸗ ſteller und die ſogenannten Gebildeten der Natlon. War nicht eine Zeit, wo man, in Schriften und im umgange, als drittes Wort ein fremdes, gewoͤhnlich ein franzoöſiſches ge⸗ brauchte, wenn wir guch deutſche Wörter hatten, die daſſelbe eben ſo gut, oft beſſer und haͤuſig kuͤrzer und buͤndiger bezeich⸗ neten? War nicht eine Zeit, wo. man ſich, wenigſtens im umgange mit den Gebildeten aus den hoheren Staͤnden, faſt der deutſchen Sprache ſchaͤmte?
Paßte vielleicht unſere, nur durch Wahrheit und fuͤr Wahrheit ausgepragte Sprache nicht mehr fuͤr die unwahrhaf⸗ tigen Sprecher? Dder lag vielleicht bei den welſchen Spre⸗ chern, ihnen ſelbſt unbewußt, das Gefuͤhl zum Grunde: daß die deutſche Sprache fuͤr ſie zu gut ſey, daß ſie ſelbſt zu un⸗ rein geworden ſeyen fuͤr eine reine Sprache.
Lobenswerth waren deswegen in jedem Falle der Eifer und die Bemuͤhungen eines Campes) um die Reinigung
*) Schon früher eines, wohl zu wenig gewürdigten Hehnatz und Ande⸗ rer, deren meine erſte Vorrede zu dieſem Wörterbuche gedenkt. x


