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Moͤnche zum Kopfkiſſen gedient haben ſollte. Die Frauen ſtrichen ihre Kleider daran. Es war eine ein⸗ fache Huldigung, die man dem Ungluͤck weihte, und ſie ſchrieben dieſer Beruͤhrung nicht ohne Grund eine bewundernswerthe Kraft zu.
Voch erzaͤhlt man auch eine neuere und minder un⸗ gewiſſe Sage. Ein junger Mann, Namens Lautrec, ſchoͤn, feurig, zu allem Außerordentlichen geboren, eben ſo fuͤr das Hoͤchſte in der Tugend als bei'm Laſter, hatte ein eben ſo ſchoͤnes, eben ſo anmuthiges und leidenſchaft⸗ liches, aber keuſches, frommes, unſchuldiges und be⸗ ſcheidenes Maͤdchen kennen gelernt. Lautrec liebte es, wie er lieben mußte, wuͤthend und ungeregelt. Auch das junge Maͤdchen ließ ſich von der Liebe hinreißen. Sie liebte Lautree, liebte ihn zaͤrtlich und ſchuldlos.
Aber ſie war von niederer Abkunft und beſaß kein Vermoͤgen, um dies gut zu machen. Er bildete ſich eine Zeitlang ein, daß die Liebe ſtaͤrker bei ihr ſein werde als die Tugend. Aber er taͤuſchte ſich. Das arme, ſtaunende und gedemuͤthigte Maͤdchen fand in ihrer Reinheit unerſchoͤpfliche Huͤlfe. Sie haͤtte gern aufgehoͤrt zu lieben, wenn der Wille genuͤgend gewe⸗ ſen waͤre..
Lautrec konnte nicht hoffen, den Stolz ſeines Va⸗ ters zu beugen, und ſo verſuchte er es nicht einmal. Die fruchtloſe Leidenſchaft, die ihn verzehrte, ward zu einer hartnaͤckigen und ſchweren Krankheit. Er ward


