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Wir haben auch nicht Eins der Urbilder bewahrt. Was finden wir heute? Keine geizige Väter mehr, keine leicht⸗ gläubige Gatten, keine Kinder, die Freigeiſter ſind oder Spieler, keine ſchöne Leander's, die ſich glücklich ſchätzen, ihre Schulden nicht zu bezahlen, keine Bedienten, die die Freunde ihrer Herren ſind, und Genoſſen ihrer Ausſchwei⸗ fungen. In der gegenwärtigen Zeit verbirgt ſich der Ehe⸗ bruch, gleich der Schande, man verheimlicht ſeine Schul⸗ den, wie ein Narr, man entzieht ſich der Welt, um zu ſpielen, man glaubt an Gott aus Achtung gegen ſich ſelbſt; man ſtürzt ſich nicht ins Verderben aus Furcht vor Ande⸗ ren; die vornehme Dame iſt leutſelig und gut, ohne eine der Thorheiten der Frau von Escarbagnas; die Hausfrau iſt unterrichtet, ohne gelehrt zu ſein; die junge Tochter iſt unſchuldig, ohne eine der Fragen der Agnes. Der Sohn des Geizigen würde ehrfurchtsvoll ſeinen Vater auf der Straße grüßen; das Mündel des Bartholo würde nicht vertraut mit dem Barbier ihres Vormundes reden; Dia⸗ foirus würde jetzt keine Praxis mehr haben, auf Purgon würde man mit Fingern zeigen, und begegnen wir einem Krankgeglaubten, wir würden ihn bedauern, wir würden ihm den Arm bieten, und mit theilnehmender Miene wür⸗ den wir fragen:„wie befinden ſie ſich?“ Auf der Börſe würden wir alle Wechſel des Miſantropen discontiren, wir würden alle Knechte des Reynard auf die Galeere ſchicken, den Richter der Kläger würden wir ins Zuchthaus(Bice⸗ tre) werfen, Madame George Dandin würden wir für den


