Teil eines Werkes 
Ellen oder Ein Jahr : Novelle / Marie Sophie Schwartz ; aus dem Schwedischen von C. Büchele
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

„D nein, das thue ich nicht,“ fiel Ellen lebhaft ein, „da erfaßt mich daſſelbe Gefühl, wie wenn ich eine min⸗ der ſchöne Blume ſehe. Es kommt mir dann vor, als ob es ſchade um ihn wäre, daß er nicht glücklicher von der Natur ausgeſtattet iſt, und ich ſuche bei den Men⸗ ſchen, wie bei den Blumen, irgend Etwas, das ſchön iſt, aufzufinden. Eine ſchöne Seele kann unter einer häß⸗ lichen Außenſeite verborgen ſeyn.“

„Aber wenn beides, Leib und Seele, häßlich iſt?“

„So verwahrloſt gibt es Nichts.“

„Da hört man deutlich, daß Sie das Leben von der Lichtſeite angeſehen haben; bei einer reichen Erfah⸗ rung würden Sie auf Menſchen genug treffen, welche an Leib und Seele ſo verwahrloſt ſind, daß Sie ſich mit Ekel von ihnen abwenden würden.“

„Nicht mit Ekel, ſondern Mitleiden, Tbeilnahme und Schmerz,“ erwiederte Ellen,„wie es ſich für einen Chriſten ſchickt und geziemt.“

Kuno's ſcharfer Blick weilte auf dem jungen Mäd⸗ chen; aber ſeltſam genug, er hohnlächelte nicht mehr. Der Grund war, daß Ellen's Worte von ſo unſchulds⸗ voller Einfachheit zeugten.

Nach einem kurzen Stillſchweigen ergriff er die gelbe Blume, welche ſie die ganze Zeit in der Hand ge⸗ halten hatte, ſteckte ſie in das Knopfloch ſeines Rockes und ſagte:

„Ich bitte, dieſe Blume hier zum Andenken an die⸗ ſes Geſpräch und zur Erinnerung an Ihre Worte:„Es gibt Nichts in der Natur, was vollkommen häßlich iſt', behalten zu dürfen.“

Sie waren jetzt an dem Gitterthore zum Probſt⸗

1