30
„Betrachten Sie dieſelbe aufmerkſam, Herr Be⸗ zirksrichter, und Sie werden zuletzt finden, daß ſie ſchön iſt.“ Sie reichte ihm die Blume.
„Mit dem beſten Willen in der Welt iſt es mir unmöglich, etwas Anderes zu finden, als daß ſie ſehr häßlich und durchaus eines Platzes unter den hübſchen Anemonen unwerth iſt.“
Damit warf Kuno die Blume fort. 3
„Und Sie verwerfen dieſelbe, weil ſie Ihren Au⸗ gen nicht ſchmeichelt. Das iſt doch ſchade,“ ſagte Ellen, und bückte ſich haſtig, um die Blume wieder aufzuheben. Aber Kuno kam ihr zuvor.
„Kann denn,“ bemerkte Ellen,„die arme Blume dafür, daß Gott ſie minder ſchön geſchaffen hat, als ihre übrigen Schweſtern im Blumenreiche? Uebrigens, wenn man dieſe feinen, ſchmalen, ſo kunſtmäßig neben einan⸗ der gelegten Blätter betrachtet, ſo ſieht man ſich gezwun⸗ gen, ihren Bau zu bewundern, und findet ſie am Ende recht hübſch.“
„Aber warum uns mit dem mühſamen Aufſuchen deſſen, was hübſch an dem Häßlichen iſt, beſchäftigen, während die Erde ſo voll von dem erſcheint, was wirk⸗ lich ſchön iſt?“
„Darum, weil wir, da die Natur einen ſolchen Reichthum von Formen hervorgebracht hat, unrecht thun würden, wenn wir nicht in Allem, auch in dem äußer⸗ lich Häßlichen, etwas Schönes herauszufinden ſuchten.
Ach! Von dem Schöpfer geht Nichts aus, was nicht der
Bewunderung werth iſt.“ Ellen ſchaute mit einem ſchwärmeriſchen Blick auf. „Aber wenn Sie einen häßlichen Menſchen ſehen, wenden Sie unwillkürlich den Blick von ihm ab?“


