314
„Den Grafen Kaunitz kannte ich ſo wenig, daß es für mich ein beſonderes Intereſſe hatte, ihn unter den Miniſtern, die ich vor mir ſah, heraus zu finden. Ich war nicht lange im Zweifel!— Graf Kaunitz kennt eben ſo wenig meine Verbin⸗ dung mit Madame de Pompadour— die Marquiſe wollte, was ſich bei den Unterhandlungen mit ihm herausſtellte, als ihre eigne Anſicht darſtellen; ſie wollte nicht, daß Graf Kaunitz mit mir zuſammen träfe und er vielleicht dadurch erriethe, woher manche ihrer Anſichten ſtammten. Ich geſtattete ihr gern dieſen kleinen Vorbehalt, und wollte redlich gegen ſie bleiben, darum vermied ich die Entdeckung unſerer Verbindung!“
„Ihr ſeid ein merkwürdiger Mann,“ ſagte die Kaiſerin— „und wir erſtaunen, wie wir fünfzehn Jahr regieren konnten, ohne von Euch zu hören— Ihr tüchtigen Köpfe, was thut ihr uns Herrſchern der Erde für Schaden, daß Ihr nie unſere Pläne zu verſtehen ſucht und Eure Fähigkeiten anwenden wollt, die⸗ ſelben zu fördern und uns die ſchwere Arbeit zu erleichtern.— Ihr ſcheint Euren Geiſt nur zu haben, um uns mißzuverſtehn und in entgegengeſetzter Richtung etwas anzufangen, woran
Ihr Euch abmüht, um endlich in Widerſprüche und auf dunkle Wege zu gerathen, die uns— wenn ſie zu unſerer Kenntniß kommen, beſorgt machen müſſen, und worin wir dann oft nicht mehr den guten Kopf erkennen, der vielleicht dennoch unſere Beachtung verdiente.“
„Dies iſt nur eine ſcheinbare Wahrheit, Euer Majeſtät! und am wenigſten paſſend für unſere große Kaiſerin! Hat ein Regent wirklich wohlthätige Pläne für ſein Volk, iſt er bis auf den Grund bewegt von dem großen Beruf, es zu veredeln, ſeine Zuſtände zu heben, dann ſteht er an der Spitze der Nation und darf weder auf die großen Geiſter deſſelben warten, noch darf
er fürchten, von ihnen mißverſtanden zu werden. Der freiſte
Sinn wird ſich der Beſchränkung unterwerfen, die dem


