Teil eines Werkes 
7. Band, Thomas Thyrnau : 1. Theil (1855)
Entstehung
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auftegenden Tage hatten die Wangen und Lippen des Kindes mit dem glühendſten Roth gefärbt. Die Decke war zurückgeſchlagen und es hatte unendlich leblich ſeinen kleinen roſenrothen Fuß in die Hand genommen, wodurch es ſo leicht und gehoben ruhte, als habe es tanzend der Schlaf überraſcht. Das wunderſchöne Köpfchen lag mit geöffneten Lippen hintenüber, ſo daß man unter dem Kinn die reizenden Linien des feinen Halſes ſah. Die Augen hatten den verklärten Ausdruck, als ſähen ſie unter den geſchloſſenen Augenlidern nach oben, und jeden Augen⸗ blick ſchien es, als müſſe ſich die leichte Decke öffnen. Die Roſen der Prinzeſſin waren ſo dicht in die vollen Locken geneſtelt, daß die alte Kammerfrau ſie auf Bitten des Kindes darin ge⸗ laſſen hatte; ſie drängten ſich um die Schläfe vor, als wären ſie neugierig, ein Kind zu ſehn, das ſo ſchön als ſie ſelber war. Die, welche das Mieder geziert, hatte das Kind feſt mit dem andern weißen Händchen gepackt und drückte ſie an die Bruſt. Die ſelige Ruhe des Schlafes war über dies bezaubernde Bild gegoſſen, und doch ſchien es, als ſei es davon mitten im Tan⸗ zen überraſcht, mitten im Aufjauchzen holdſeliger Freude. Stumm und gerührt blickten Alle auf ſie hin und Lach namentlich ſchien, völlig in ihren Anblick verloren, nichts um ſich her weiter zu beachten.Gott ſegne Dich, mein liebes Kind, ſagte endlich die Fürſtin mit ſanfter, thränenbewegter Stimme. Sie bog ſich nieder und küßte die leuchtende Sirn; als ſie aber zu Lach umblickte und ihm die Hand reichte, rief dieſer:Ich glaube mich endlich zur Klarheit durchgerungen zu haben, warum dies Kind mich mit Erinnerungen peinigt und ſolche Gewalt über mich ausübt. Die jetzige Ruhe ſeines An⸗ blicks zeigt mir die große und auffallende Aehnlichkeit des Kin⸗ des mit einem Bilde, welches in dem Schlafgemache meines Oheims hing. Es ward von ihm wie ein Heiligthum gehegt

und erweckte in mir als Knaben eine ſo leidenſchaftliche