Teil eines Werkes 
7. Band, Thomas Thyrnau : 1. Theil (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

269

Sie ſind noch immer unſchuldig und unerfahren wie ein Kind, liebe Fürſtin, ſagte Georg Preyund nehmen nach dieſem Sinn auch Ihre Maaßregeln. Es iſt dem Geiſtlichen, der das Ohr der Beichte leihen muß, nicht geſtattet, ſich den Sinn alſo zu erhalten: denn während er die Sünder anhören muß, um ihnen den Troſt und die Heiligungen der Kirche an⸗ gedeihn zu laſſen, wird er leider davon unterrichtet, in welchen Verzweigungen und Verſuchungen das Böſe über die Erde ſchleicht, und in tiefer Demuth befeſtigt ſich da die Ueberzeugung von der großen Schwäche der menſchlichen Natur. Schön iſt es, mit der Verſuchung kämpfen, wenn ſie ohne unſer Zuthun uns erreicht. Aber, ſetzte er lächelnd und faſt beſchämt hinzu, ich rathe immer, ihr aus dem Wege zu gehn, oder doch zu fragen, ob unſere Verhältniſſe ein gefährliches Wagniß geſtat⸗ ten. Zu dieſen Fällen würde ich rechnen, wenn ein verhei⸗ ratheter oder verlobter Mann ſich berufen fühlen ſollte, eine ſchöne Sünderin durch die an ſie verwendete Freundſchaft von ihren Verirrungen zurück zu führen; beſonders wenn beſagter Gegenſtand gerade im Fache der Liebe von auffallenden Erfol⸗ gen war und von nicht ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit.

Lach mußte laut auflachen, denn es war ein Anflug von Humor in der Entgegnung des alten Herrn, der mit der ſchlauen Warnung auf komiſche Weiſe zuſammentraf. Selbſt die Fürſtin lachte ein wenig, und da der alte Bernhard ſo eben die Abend⸗ tafel anmeldete, reichte ſie dem geiſtlichen Herrn die Hand und bald ſaßen ſie ſich an der kleinen Tafel in beſter Stimmung gegenüber.

Ehe der Graf den Palaſt Morani verließ, brachte er noch ſeine Wünſche über eine ſchnelle Vermählung und ihre Abreiſe nach Tein vor, die er namentlich für die Geſundheit der Fürſtin ſo nöthig hielt. Er traf aber hier auf den entſchiedenſten Wider⸗ ſtand. Meine Geſundheit, ſetzte die Fürſtin hinzuwird