Teil eines Werkes 
7. Band, Thomas Thyrnau : 1. Theil (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

265

vornehm bin ich und dennoch wie elend! wie elend! Ach, dieſer verwegene Feind in mir, der es wagt, mir mein eigenes Bild ſo klar vor die Augen zu ſtellen! Wie ich mich haſſe, daß ich zu der elenden Intrigue bereit bin, ihn ihr zu rauben und wie ich doch ihn ſie mich haſſe, daß es erſt nöthig iſt, ihn mir zu erringen, daß er nicht ſchon mein iſt! O, warum giebt es keinen Mann, der den Trieb fühlt, der uns arme Wei⸗ ber zu Heiligen macht gegen ſie der uns zu den Verderbten hintreibt, daß wir ſie heilen von ihren Sünden und dem Leben wieder verſöhnen. Warum will Keiner dem verlockten Weibe die Hand reichen und es heilen und retten? Warum wvill ſelbſt der größte Sünder die Fleckenloſeſte warum der Edelſte nie der Retter ſein? Ich habe demnach Recht, ſie zu haſſen, ſie zu ſtrafen, zu verlocken; denn Keiner wagt über die eherne Mauer des Egoismus einen Schritt hinaus! Nun wohl, ſo will ich leben, um ihnen das Widerſpiel zu halten, und das tiefe Elend, was ich mir damit bereite, ſei die Kraft, die mich treibt!

Der Wagen hielt. Sie eilte zu den Gemächern der Kai⸗ ſerin.Ohne Schürze! en demi habillée? ſagte die Gräfin von Fuchs, mit einem tiefen Knix zwiſchen die Prinzeſſin und die Kaiſerin tretend.

Gnade! Gnade! rief die Prinzeſſin, die Hände über die alte Gräfin hinweg nach der Kaiſerin ausſtreckendich habe den Käſe⸗Engel Eurer Majeſtät hinein geſteckt!

Sie iſt doch die intereſſanteſte Perſon am ganzen Hofe! ſagte Franz der Erſte.Es fällt immer etwas mit ihr vor. Wenn ſie erſcheint, denke ich oft: nun, was wird's heute ſein?

Wie ſehr waren augenblicklich alle Männer des Kaiſers Meinung, während die Damen überlegten, wie ſie es machen könnten, daß auch mit ihnen etwas vorfalle.

Die Kaiſerin ließ ſich unterdeſſen von der Prinzeſſin den Abend bei den Brautleuten erzählen, und hatte keinen Zorn