„Dieſen Geheimniſſen des Rückſchrittes frägt man viel zu wenig nach,“ ſagte der Graf—„Wir ſehen einzelne Geſchlech⸗ ter, wir ſehen ganze Länder, oder bald dieſen, bald jenen Stand in einer Nation ausarten; von großem Anſehn herab⸗ ſinken bis zur tiefſten Erniedrigung, und die Geſchichte des Adels zieht eben darum unſere Aufmerkſamkeit ſo auf ſich, da derſelbe durch das erlangte Vorrecht berufen iſt, an der Spitze des Volkes zu ſtehen.“
„Ja,“ ſagte die Fürſtin—„wie iſt es zu begreifen, daß die erſte Entſtehung ſolcher Vorrechte, die Erhebung aus dem Dunkel, das Erringen von Macht, Rang und Anſehn ſo häufig von einem höheren geiſtigen Aufſchwung, von einem edleren Bedürfniß uns Zeugniß ablegt, als wir dann ſpäter erhalten ſehen, wo die Geburt das Individuum ſchon begünſtigt auf den Höhenpunkt ſtellt, der die vollkommenſte Aufrechthaltung des Geiſtes und Gemüthes erwarten ließe. Sollten wir es nicht natürlicher finden, daß unter einer ſolchen geſicherten Einwir⸗ kung das Individuum— getrennt von jedem gemeinen Einfluß — zu einer höheren und reineren Entwicklung gelangen müßte? Doch iſt es ſo oft der Fall, daß wir dort die größten Täuſchun⸗ gen erfahren!“
„Es iſt auch nicht ſo unerklärlich, liebe Claudia!“ ſagte der Graf—„Wer ſeine Exiſtenz ſich erſchafft, der hat in Wahr⸗ heit den Beruf und die Befähigung dazu von der Natur bekom⸗ men, und er ergreift den Beſitz noch mit der geprüften Kraft, mit dem entwickelten Geiſte, der ihn eben zum Beſitz befähigte. Solche Eigenſchaften laſſen ſich, trotz der hochmüthigen Voraus⸗ ſetzung unſeres Standes dennoch nicht vererben. Abgeſehen davon, daß die Natur hier oft mit einem geheimnißvollen Eigenſinn verfährt, würde es doch bei gründlicherer Prüfung oft mehr eine unbeſtechliche Gerechtigkeit derſelben zeigen, wenn ſie die Frucht nicht ſchöner reifen läßt, als der morſch gewordene


