Teil eines Werkes 
1. Theil (1843)
Entstehung
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wärtigen Empfindung zuzurechnen iſt, welche eine Frau

leitet, ſich ſelbſt zur Befriedigung, nur das Schöne

und Vollkommene an ſich leiden zu mögen.

Gewiß fühlte Leonin mehr, wie je, den unaus⸗ ſprechlichen Zauber ſeiner Liebe, und ſein Blick ſchweifte einen Augenblick an den hohen, ſchwerfällig verzierten Wänden des ſchönen alterthümlichen Gemachs umher, und ſchien die verdüſterten Familienbilder herauszufor⸗ dern, ihm ein würdigeres Modell zu zeigen für die Nachfolge in ihren Reihen.

Da war Fennimor an das letzte Wort gekom⸗ men, womit Cid von Kimene'n Abſchied nimmt, über⸗ wältigt ſchlug das feurige Kind die Hände zuſammen, und Leonin's Augen ſuchend, rief ſie:O, wie göttlich ſchön iſt es, ſolchen Schmerz zu fühlen!

Leonin eilte ihr näher, aber ein ſchnell hervor⸗ brechendes Schluchzen des holden Weſens zeigte ihm, wie tief die poetiſche Erſchütterung war, die ſie er⸗ fahren, und er ſchämte ſich faſt, mehr ihrer Schön⸗ heit, als der herrlichen Dichtung gedacht zu haben.

Doch ſollte ihm keine Zeit bleiben, ihr ſeinen halben Antheil zu verbergen. Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehört; der Graf ging dem ein⸗ tretenden Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab, der ſo eben aus Paris mit einem reitenden