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ſaß; leiſe war er von ihrer Seite weggerückt, ihr
faſt gegenüber, ihren vollen Anblick genießend und
ſicher, daß ſie in ihrer begeiſterten Hingebung an den großen Dichter und ſeinen Helden ihn ſelbſt vergeſſen würde.
Die Kerzen, die über dem künſtlich geſchnittenen Pulte von Eichenholz in ſchweren ſilbernen Armen ruhten, beleuchteten von oben das runde Haupt mit ſeinen reichen, lichtbraunen Locken und warfen das hellſte Licht auf die weiße, zartgewölbte Stirn.— Der Schatten hätte den ſchönen Untertheil des Ge⸗ ſichts verhüllt, wäre nicht von dem weißen Blatte des Buches, vor dem ſie gebeugt ſaß, ein Reflerlicht dazu aufgeſtiegen, welches Farbe und Form magiſch verſchönte.
Die koſtbaren Stoffe, die Leonin ſeiner Gemah⸗ lin nur paſſend hielt, waren ihr längſt im täglichen Gebrauche bequem, und der reiche blaßblaue Seiden⸗ ſtoff, der von ihrem ſchlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel, ward um Schultern und Buſen mit reichen Spangen gehalten. Sie trug und paßte das Alles zu einander mit dem vollkommenen Geſchick, was, von der Schönheit unterſtützt, ſo oberflächlich unter die Rubrik einer natürlichen weiblichen Koketterie ver⸗ wieſen wird, und vielmehr der edeln, reinen, allgegen⸗
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