184
nung geworden— das war keine Prüfung mehr, wie einſt jene Jugendliebe, mit der ich einen guten Kampf gekämpft— das war ein Zeichen himmliſcher Be⸗ gnadigung— und wie ſich mir im Laufe der Zeit die Kunſt geoffenbart als eine Vereinigung der Wahrheit mit der Schönheit, ſo offenbarte ſich mir das Weib als die erhabenſte Prieſterin für den Tempeldienſt meines Herzens! Nicht eine Entweihung der heiligen Kunſt konnte die Liebe dem freien Steinmetz bringen, der nur dem Scheine nach frei war, wenn er das mächtigſte und lauterſte Gefühl aus ſeiner Bruſt ver⸗ bannte und alten Satzungen opferte— nicht eine Entweihung, ſondern die höchſte Weihe, denn das Weib ſeiner Vollendung iſt dem reinen Mann eine Heilige, aber nur in ſeiner Nähe vermag der Diener der Kunſt nicht allein ſein Werk, ſondern auch ſich ſelbſt zu vollenden? Iſolde— erſcheint Euch der Baubru⸗ der als kein Feevler, der ein ſolches Geſtändniß vor Euch ablegt?“
Sie vermochte nichts zu antworten, erröthend zit⸗ ternd und mit niedergeſchlagenen Augen ſtand ſie vor ihm.—
Er ſah ihre Rührung:„O, Iſolde, daß Ihr meine Mitkämpferin wäret!“ rief er noch einmal—„Ihr waret beſorgt um mein Geſchick, Ihr wolltet für mich


