lich leiden ſah, verachtete und haßte Iſolde Wolfſtein, und war bemüht, wenn auch ſo ſchonend als möglich, Annd ſelbſt von dieſer Liebe zu befreien. Aber wie hätte das ſo leicht und in ſo kurzer Zeit geſchehen kön⸗ nen? Gerade in der Krankheit zeigte es ſich, daß Anna's Liebe doch viel tiefer war als ſie ſelbſt ge⸗ glaubt, und zuweilen mußte auch Iſolde auf ihre Frage: wie ſich denn jetzt Wolfſtein ihr nähern könne, die Antwort ſchuldig bleiben.
So lange der Stolz des Weibes in deſſen eigener Liebe noch keine Prüfung, keine Demüthigung erfahren, ſo lange iſt jedes Weib ſchnell fertig mit der Ver⸗ urtheilung eines Mannes, welcher der Geliebten Ver⸗ anlaſſung gibt an ſeiner Liebe und Treue, an der Ehr⸗ lichkeit ſeiner Abſichten zu zweifeln, noch mehr aber mit der Verurtheilung eines Mädchens, das dergleichen ſich bieten läßt ohne dadurch die eigene Liebe verlöſcht zu ſehen, und ſo urtheilte auch Iſolde über Anna. Aber doch empfand ſie zugleich das tiefſte Mitleid mit der kranken Schweſter und begriff recht gut, welch' ein Labetrunk es ihr ſein würde, einen Gruß, eine Nachricht von Wolfſtein zu empfangen. Dieſe ſanfteren Empfindungen machten ſich jetzt in Iſolde geltend. Wenn Wolfſtein wirklich vermochte ſich zu entſchuldi⸗ gen? wenn er es vielleicht ſchon verſucht, ohne daß ſie


