Teil eines Werkes 
1. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

63

Briefe, die ihm ſein Verhalten vorwarfen, ihn zur Um⸗ kehr mahnten, ſelbſt Felicitas hatte ſeinen Vorſtellungen theilweiſe beigeſtimmt— Richard antwortete zurück⸗ weiſend und endlich gar nicht mehr.

Jetzt, wo Felicitas ſein Schickſal in Bezug auf den Stiefbruder theilte, der ſich bisher immer als treuer Freund und Berather gezeigt hatte, fühlte ſie ſich wieder enger wie je mit ihm verbunden— weit entfernt, ihr über ihr entſchloſſenes Handeln einen Vorwurf zu machen, empfand er es wie eine Art von Triumph für ſeine eigene Anſchauung von der Wärde der Frauen, und ſympathiſche Handlungen knüpften das Band feſter, welches die Natur geſchlungen.

Frau Reichmann, die Felicitas ein Aſyl bei ſich geöffnet, war die Wittwe eines Malers und Photographen, deſſen Kunſt und Geſchäft ſie nach ſeinem Tode allein fortſetzte. Sie hatte in einer ziemlich unglücklichen Ehe gelebt, indem ihr Mann ſich mehr und mehr dem Hange zu Müſſiggang und Trunk ergeben hatte, während ſie raſtlos und vergeblich arbeitete. Dabei war er dennoch in ſeinem Fach durch ſeine guten Leiſtungen als vor⸗ züglich anerkannt und würde noch mehr zu thun gehabt haben, wenn er nicht dadurch, daß man ihn ſelbſt in ſeinem Geſchäft zuweilen betrunken fand, das Publicum wenigſtens theilweiſe abgeſchreckt hätte. Es kam dabei ſchon oft vor, daß ſeine Frau, die zugleich ſeine Gehülfin