Teil eines Werkes 
4. Band (1874)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

darüber beriethen, ob es wol gerathen ſei, die Ereig⸗ niſſe der letzten Tage mit ihr zu beſprechen, war ſie an das Fenſter getreten und blickte hinüber nach den düſteren Gefängnißmauern. Sie folgten ihren Blicken und warteten ſchweigend, was geſchehen würde. Endlich wen⸗ dete ſie ſich zu ihnen und ſagte mit dem alten ſüßen Lächeln:

„Welches war mein Fenſter?“

Alle eilten auf ſie zu, als wollten ſie ihr zeigen, wie ſicher ſie jetzt ſei, wie ganz erlöſt aus dem Dunkel der vergangenen Tage, und zeigten ihr das Verlangte lächelnd unter Thränen.

„Das war es?“ ſagte Innocenzia immer noch mit derſelben holden Freundlichkeit.„Ich wollte, ich hätte gewußt, daß ich Euch ſo nahe war. So eine kleine Strecke nur? Und Ihr habt hier geſeſſen und mich be⸗ obachtet? Es muß ja beinahe geweſen ſein, als wäre ich zu Hauſe bei Euch?“ Warum küßten ſie nur jetzt Alle mit ſo vielen Thränen? Sie nahm die Küſſe hin und trocknete mit ihrem Taſchentuch, halb ſpielend wie ein Kind, die Thränen auf den Wangen ihrer Lieben.

„Ja, beinahe, als wäre ich bei Euch geweſen,“ wiederholte ſie, indem ſie das Wort„beinahe“ ſeltſam betonte. Lange ſtand ſie noch ſinnend am Fenſter, lächelte, aber ſagte kein Wort mehr. So mag die