247
die Wärterin ſich länger als gewöhnlich im Gemache beſchäftigt.
Sie weilte geraume Zeit an dem mit einem Gitter verſehenen Fenſter, an welches Abends Madame Roland ſich zu lehnen und zu dem kleinen Fleck Him⸗ mel, den ſie von hier aus gewahr wurde, hinaufzu⸗ ſchauen pflegte.
Als die ſtumme Dienerin endlich die Zelle ver⸗ ließ, warf ſie einen langen Blick auf die tief betrübte Gefangene.
Am Abend näherte ſich Madame Roland dem Fenſter.
Beim erſten Blick darauf blieb ſie ſtehen.
Das Gitter war verſchwunden und an deſſen Stelle eine Reihe von Schlinggewächſen getreten, welche mit ihrem lächelnden Grün bei ihr um Verzeihung dafür zu bitten ſchienen, daß ſie über die Attribute der Gefangenſchaft emporrankten.
Die Muthloſigkeit, welche den ganzen Tag Manon beherrſcht hatte, verſchwand bei dieſem neuen Beweiſe von Theilnahme und feiner Auffaſſungsgabe von Seiten der geringen Frau.
In ihrer ſo unglücklichen Lage fühlte Madame Roland, daß ein barmherziger Gott ihr ein zärtliches Herz geſandt hatte, um ihr die Bürde minder ſchwer zu machen.
Sie betrachtete die Blumen und Schlinggewächſe um das Gitter herum und flüſterte bei ſich ſelbſt:
„Ja, auch der Kerker kann ſeine Blumen haben, wenn wir nur ſelbſt ſie aufzufinden vermögen.“
Am folgenden Tage, da die Wärterin eintrat,


